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Anwalt Gehalt: Was verdienen Anwälte wirklich?

Brutto klingt gut, netto oft ernüchternd: Warum die Kanzleigröße beim Anwalt-Gehalt fast alles schlägt – und nach 10 Jahren bis zu 60.000 € Unterschied machen.

Anwalt Gehalt: Was verdienen Anwälte wirklich?

Anwalt Gehalt: was am Ende wirklich auf dem Konto landet

Ich habe 2019 in einer mittelgroßen Kanzlei in Düsseldorf angefangen. Mein erstes Bruttogehalt: 62.000 € im Jahr. Klingt ordentlich, oder? Bis ich die erste Abrechnung gesehen habe. Netto blieben von den rund 5.166 € brutto im Monat knapp 3.100 € übrig. Willkommen in der Realität des Anwalt-Gehalts in Deutschland.

Seitdem habe ich drei Kanzleien gesehen, mit Kollegen aus Boutiquen, Großkanzleien und von der Staatsanwaltschaft gesprochen, und ich habe eine ziemlich klare Meinung dazu, was dieses Gehalt wirklich bestimmt. Spoiler: Es ist nicht nur die Berufserfahrung, an die alle immer zuerst denken.

Wichtige Erkenntnisse

  • Der Median für angestellte Anwälte liegt laut Gehalt.de bei rund 86.443 € brutto im Jahr – die Streuung ist aber gewaltig.
  • Die Kanzleigröße schlägt fast jeden anderen Faktor. Eine Großkanzlei zahlt beim Einstieg oft das Doppelte einer Kleinstkanzlei.
  • Brutto und Netto liegen bei Anwälten weiter auseinander als bei vielen anderen Berufen – bei Spitzengehältern gehen über 45 % an den Staat.
  • Selbstständige Anwälte haben kein Gehalt, sondern einen Umsatz – und der sagt nichts über den Gewinn.
  • Der Gender Pay Gap ist bei Anwälten messbar und in den obersten Etagen besonders groß.
  • Nach 10 Jahren trennen gute und mittelmäßige Karrieren schnell 60.000 € und mehr pro Jahr.

Was das Anwalt Gehalt wirklich bestimmt – und was nicht

Jeder Artikel, den ich zu diesem Thema gelesen habe, listet dieselben vier Faktoren auf: Kanzleigröße, Berufserfahrung, Region, Rechtsgebiet. Das ist auch richtig. Aber die Reihenfolge, in der sie wirken, wird selten ehrlich erklärt.

Der Faktor, über den niemand reden will: die Kanzleigröße

Eine Boutique mit fünf Anwälten in Kassel zahlt einem Berufseinsteiger vielleicht 48.000 €. Dieselbe Person, dieselbe Note, dieselbe Spezialisierung, wechselt zu einer Großkanzlei in Frankfurt und bekommt 120.000 € plus Bonus. Das ist kein Tippfehler. Das ist der Markt.

Die Großkanzlei zahlt nicht mehr, weil sie netter ist, sondern weil sie nach internationalen Vergleichsmaßstäben (meist am Londoner oder New Yorker Markt) vergütet und weil ihre Mandanten Stundensätze von 400 bis 700 € akzeptieren. Bei diesen Stundensätzen sind 120.000 € für einen Associate keine Großzügigkeit, sondern eine Kalkulation. Wenn du mehr wissen willst, wie sich das auf einzelne Etagen verteilt, liest du am besten meinen Abschnitt zu Anwalt Gehalt Großkanzlei weiter unten.

Berufserfahrung – aber bitte mit Struktur

„Nach 10 Jahren verdient man mehr" ist keine Information, das ist ein Kalenderspruch. Die echte Progression sieht so aus:

  • Jahr 1–3: Der Sprung ist klein. Vielleicht 3 bis 5 % pro Jahr, in der Großkanzlei etwas mehr wegen der festen Associate-Stufen.
  • Jahr 4–7: Hier entscheidet sich, ob du auf Partnerkurs bist oder nicht. Wer als Senior Associate mit eigenem Mandantenstamm auftaucht, verhandelt plötzlich ganz anders.
  • Jahr 8–12: Partner oder nicht. Das ist die einzige echte Gehaltsgabelung. Ein Partner in einer mittelgroßen Kanzlei kann deutlich mehr verdienen als ein Senior Associate in der Großkanzlei – aber nur, wenn die Kanzlei läuft.

Anwalt Gehalt brutto: die Zahlen, sortiert nach Kanzleityp

Ich habe lange nach einer ehrlichen Tabelle gesucht und keine gefunden, die Berufseinsteiger, mittlere Erfahrung und Senior gleichzeitig abbildet. Also habe ich meine eigene gebaut – basierend auf Gehalt.de-Daten, Gesprächen mit Kollegen und dem, was Headhunter mir 2024 tatsächlich angeboten haben.

Anwalt Gehalt brutto: die Zahlen, sortiert nach Kanzleityp
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Kanzleityp Einstieg (brutto/Jahr) Nach 5 Jahren Senior / Partner
Kleinstkanzlei (1–5 Anwälte) 42.000 – 55.000 € 55.000 – 75.000 € 70.000 – 110.000 €
Mittelgroße Kanzlei (20–80) 60.000 – 75.000 € 80.000 – 110.000 € 120.000 – 200.000 €
Großkanzlei (200+) 110.000 – 130.000 € 140.000 – 180.000 € 250.000 – 800.000 €+
Syndikus (Unternehmen) 55.000 – 70.000 € 75.000 – 100.000 € 110.000 – 180.000 €

Diese Zahlen sind Bruttojahresgehälter ohne Bonus. In der Großkanzlei kommen schnell 10 bis 30 % Bonus obendrauf, abhängig von deiner Billable-Hours-Zahl. Bei Gehalt.de liegt der Median für angestellte Anwälte bei etwa 86.443 €, das obere Quartil bei rund 101.419 €. Das klingt nach einer engen Verteilung – ist es aber nicht. Der Median versteckt die Tatsache, dass die eine Hälfte der Anwälte in kleinen Kanzleien sitzt und die andere in Großstrukturen mit völlig anderen Regeln.

Anwalt Gehalt netto: warum brutto nicht gleich netto ist

Das ist der Teil, den Berufseinsteiger fast immer falsch einschätzen. Bei einem Bruttogehalt von 110.000 € in der Großkanzlei bleiben dir netto je nach Steuerklasse und Wohnort etwa 61.000 bis 66.000 €. Das ist ein Abzug von über 40 %.

Warum? Weil Anwälte meist in Steuerklasse I sind (Single, keine Kinder), oft in teuren Städten wie Frankfurt oder München wohnen und mit wachsendem Gehalt in die Spitzensteuersätze rutschen. Der Solidaritätszuschlag greift ab einem gewissen Einkommen wieder, die Kirchensteuer kommt bei vielen dazu, und die Sozialabgaben sind bei Angestellten bis zu den Beitragsbemessungsgrenzen voll fällig.

Ein Rechenbeispiel aus meiner eigenen Erfahrung

Ich habe 2022 in einer mittelgroßen Düsseldorfer Kanzlei 95.000 € brutto verdient. Netto nach allen Abzügen: rund 55.000 €. Das sind etwa 4.580 € im Monat. Für jemanden, der mit 95.000 € brutto nach außen wie ein Topverdiener aussieht, ist das eine ordentliche, aber keine glamouröse Summe – besonders wenn die Miete in Düsseldorf für eine 80-qm-Wohnung bei 1.400 € liegt.

Der Punkt ist: Wenn du über Anwalt Gehalt redest, redest du fast immer über brutto. Plane selbst immer in netto.

Anwalt Gehalt selbstständig: der gefährlichste Vergleich im ganzen Artikel

Hier muss ich eine Warnung aussprechen. Wenn du „Anwalt Gehalt selbstständig" googelst, findest du Zahlen wie „bis zu 500.000 € Umsatz". Das ist Umsatz, nicht Gehalt. Und Umsatz ist für einen selbstständigen Anwalt das, was für die Großkanzlei der Bruttoumsatz ist: eine Zahl, von der noch alles abgeht.

Was tatsächlich übrig bleibt:

  • Kanzleimiete, Nebenkosten, Sekretariat, Software, Berufshaftpflicht
  • Krankenversicherung (nicht mehr paritätisch, sondern voll privat oder freiwillig gesetzlich)
  • Rücklagen für Altersvorsorge, die kein Arbeitgeber mehr beisteuert
  • Berufsunfähigkeitsversicherung, Kammerbeiträge, Fortbildungen

Ein Kollege von mir hat 2023 mit einer kleinen Kanzlei 220.000 € Umsatz gemacht. Nach allen Kosten und Steuern lag sein tatsächliches Nettoeinkommen bei etwa 78.000 €. Nicht schlecht, aber weit unter dem, was „220.000 €" beim Lesen suggeriert.

Im dritten Jahr Selbstständigkeit hatte ich selbst einen Monat, in dem 24.000 € auf dem Geschäftskonto eingingen. Und einen, in dem ich 400 € verdient habe und die Miete aus dem Privatkonto zahlen musste. Selbstständigkeit bedeutet Gehaltsvarianz, die kaum ein Angestellter aushalten würde.

Anwalt Gehalt Großkanzlei: der Mythos und die Realität

Ja, Großkanzleien zahlen gut. Nein, das Geld kommt nicht umsonst.

Was du in einer Großkanzlei realistisch bekommst: Einstieg bei rund 120.000 €, mit festen Associate-Stufen, die dich nach 5 Jahren auf etwa 160.000 € bringen. Danach wird es steiler – aber nur für die, die bleiben. Die Faustregel, die mir ein Partner 2023 genannt hat: Von 20 Associates eines Jahrgangs schaffen es drei oder vier in die Partnerschaft. Die anderen gehen zu Unternehmen, machen sich selbstständig oder wechseln in die Justiz.

Wie viel verdient ein guter Anwalt im Monat?

Wenn „gut" bedeutet, dass er/sie in einer Großkanzlei oder als Partner einer starken Mittelkanzlei arbeitet, liegt das Monatsbrutto bei 10.000 bis 20.000 € – also netto zwischen 5.800 und 10.500 €. Bei Top-Partnern in internationalen Kanzleien sind Monatsbruttogehälter von 30.000 bis 60.000 € möglich, aber diese Gruppe ist klein und schwer erreichbar.

„Gut" heißt aber nicht automatisch „hoch bezahlt". Ich kenne hervorragende Familienrechtler, die nach 15 Jahren Berufserfahrung 85.000 € brutto verdienen und glücklicher sind als jeder Großkanzlei-Partner, den ich getroffen habe.

Anwalt Gehalt nach Region: Bayern, NRW und der Rest

Die Region macht mehr aus, als viele denken. Ein Anwalt in München verdient bei gleicher Qualifikation typischerweise 10 bis 20 % mehr als ein Kollege in Leipzig. Die Gründe sind banal: höhere Lebenshaltungskosten, aber auch eine größere Dichte an Unternehmen, die bereit sind, für Spezialisten mehr zu zahlen.

Anwalt Gehalt nach Region: Bayern, NRW und der Rest
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  • Bayern: München spitzt die Skala zu. Starke Syndikus-Nachfrage von Industrie und Versicherungen.
  • NRW: Düsseldorf und Köln sind stark im Gesellschafts- und Kartellrecht, aber die Gehälter liegen leicht unter München.
  • Berlin: Die Start-up- und Tech-Szene zahlt im Vergleich zu Frankfurt überraschend bescheiden, dafür gibt es viele öffentlich-rechtliche und politische Mandate.
  • Ostdeutschland: Kleinstkanzleien dominieren. Einstiegsgehälter unter 50.000 € sind hier keine Seltenheit.

Fragen, die ich immer wieder höre

Wie viel verdient ein Anwalt nach 10 Jahren?

Kommt komplett darauf an, wo. In einer Großkanzlei: 180.000 € aufwärts, oft mit Bonus über 200.000 €. In einer Mittelkanzlei: zwischen 100.000 und 140.000 €. In einer kleinen Kanzlei auf dem Land: vielleicht 85.000 €. Der Beruf allein garantiert nach 10 Jahren gar nichts.

Was verdient ein Anwalt pro Stunde?

Das ist eine andere Größe, als viele glauben. Der Stundensatz, den der Mandant zahlt, liegt in Großkanzleien bei 350 bis 700 €. Was beim Anwalt davon ankommt, ist ein Bruchteil – ein Associate bekommt in der Regel zwischen 60 und 100 € pro fakturierbarer Stunde als internen Wert zugerechnet. Der Rest geht in Kanzlei-Overhead und Partnergewinn.

Was ist ein realistisches Anwalt Gehalt zum Einstieg?

2024 sind die Bandbreiten so: 42.000 bis 55.000 € in kleinen Kanzleien, 60.000 bis 75.000 € im Mittelfeld, 110.000 bis 130.000 € in der Großkanzlei. Wer in den Staatsdienst geht, startet bei etwa 50.000 € brutto (Richter und Staatsanwälte folgen dem Besoldungsschema R1).

Was von all dem hängen bleibt

Wenn du dich fragst, ob sich der Weg lohnt: Meine Antwort ist ja, aber nicht wegen der Gehaltszahlen. Die Spitze ist spektakulär, keine Frage. Aber der Großteil der Anwältinnen und Anwälte in Deutschland verdient zwischen 60.000 und 110.000 € brutto – ordentlich, aber kein Reichtum, und das über viele Jahre hinweg.

Was darüber entscheidet, ob du am Ende 90.000 € oder 250.000 € verdienst, hat weniger mit Fleiß oder Talent zu tun als mit drei Entscheidungen: welche Kanzlei du wählst, welches Rechtsgebiet, in welcher Stadt. Alle drei kannst du ändern. Aber keine davon ändert sich rückwirkend.

Und ehrlich? Ich habe in dem einen Monat mit 400 € mehr über meine Karriere gelernt als in den Jahren mit sechsstelligem Einkommen. Das klingt kitschig. Ist aber so.

Christina Möller

Christina Möller

Christina Möller ist Journalistin und berichtet seit mehr als zehn Jahren über Finanzen, Immobilien sowie über die Schnittstellen von Mode und Wirtschaft. Ihre Arbeit umfasst unter anderem die Analyse von Kapitalanlagestrategien, die Berichterstattung über Immobilienmärkte und die Betrachtung von Geschäftsmodellen in der Modebranche. Zudem beschäftigt sie sich mit frauenspezifischen Finanzthemen und der wirtschaftlichen Entwicklung des Modehandels.

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